Vierzig Jahre lang wischte er die Küchenplatte nicht richtig ab.
Eine Frau bei uns im Coaching, über vierzig Jahre verheiratet. Jedes Mal derselbe Ärger.
Irgendwann traf sie eine bewusste Entscheidung — nicht mit ihm, sondern für sich: Sie
regt sich nicht mehr auf, sie lässt es einfach zu. Ihr Mann wusste nichts von dieser
Entscheidung. Und wischte die Platte von da an in ihrem Sinne ab.
Ein Konflikt, der Jahrzehnte gehalten hatte — aufgelöst durch eine einzige innere Entscheidung.
„Schau mal, was die für schöne große Schnecken gemalt haben."
Herbert hatte die Wände im Elternschlafzimmer gerade frisch lasiert. Mittagspause,
mäuschenstill — und die beiden Kinder standen auf dem Bett und malten hingebungsvoll
riesige Spiralen mit Wachskreide an die neue Wand. Michael fühlte sich ertappt und war
blitzartig darunter verschwunden. Herbert rief mit freudiger Stimme nach Annette. Da kam
es stolz unter dem Bett hervor: „Hab ich malt."
Das war knapp. Es hätte auch ganz anders ausgehen können.
Im April zogen wir noch einen zweiten Kamin ein. Im November war das Haus leer.
Elf besondere Jahre hatten wir dort verbracht, wir fühlten uns sehr mit dem Haus
verbunden. Trotzdem kam im August der Impuls zu verkaufen — bei uns beiden, unabhängig
voneinander, und für unser Umfeld genauso überraschend wie für uns selbst. In nur drei
Monaten war alles geräumt. Was wir in der letzten Nacht dort empfanden, war nicht die
Wehmut, die man erwarten würde, sondern eine tiefe Dankbarkeit.
Man fragt uns bis heute nach unserem Mut. Wir haben keinen gebraucht. Es war einfach dran.
„Ich konnte nicht mal das Messer halten."
Was mich nach den Schlaganfällen total gestört hat, war die Verlangsamung. Ich koche
sonst in zehn Minuten — abhaken, fertig. Am ersten Tag wollte ich ausgerechnet
gestifteltes Gemüse machen, blödsinnige Idee. Es war zehn vor zwölf, und ich rief
Annette zu: „Es gibt ein frühes Abendessen." Erst als ich mich an das Langsame gewöhnt
hatte, kamen beim Schneiden auf einmal Einfälle: was weglassen, warum jetzt der Dill
besser dazupasst.
Die Verlangsamung bezieht die Seele mit ein. Die ist manchmal nicht so schnell.
Er war sechzehn und wollte nach Südafrika.
Wir fanden die Idee gut — und überließen ihm die gesamte Organisation. Schulen
heraussuchen, anrufen, Formulare, die Telefonate mit der Gastmutter. Wir haben im
Hintergrund unterstützt, mehr nicht. Dass Annettes Bild von Südafrika von einem
Studienfreund geprägt war, der dort als junger Arzt ums Leben kam, wusste er. In seinem
Beitrag im Buch schreibt er, er rechne ihr hoch an, dass sie es trotzdem zugelassen hat.
Was daraus entstanden ist, hätten wir uns niemals ausdenken können. Heute haben wir als Familie ein 63 Hektar großes Berggrundstück dort.
„Unsere heftigste Ehekrise dauerte 90 Minuten."
Es war die einzige Krise, in der unsere Ehe wirklich auf dem Spiel stand. Verzweiflung,
Angst, Wut, Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, nicht gesehen zu sein. Was uns trug, war die
Gewohnheit, innerlich umzuschalten: das eigene Urteil loszulassen, die Perspektive des
anderen einzunehmen, wieder loszulassen und anzunehmen, was ist. Das gelang nicht
durchgehend — sonst wäre es keine Krise dieses Ausmaßes gewesen. Aber immer wieder. Auf
einem Spaziergang hörten wir einander schließlich zu, ohne mit dem eigenen Gefühl
dazwischenzugrätschen.
Was wir zwanzig Jahre lang geübt und weitergegeben hatten, trug genau da.